Gelebte Liturgie

1996-Reiner-KaczynskiDie Feier der Liturgie in Ihrer Vielfalt ist eine Grundaufgabe der Kirche. Die Liturgie ist Mittel- und Höhepunkt gläubigen Lebens. Die Veränderungen und Aufbrüche der Erneuerung der Liturgie mit dem II. Vatikanum sind nicht abgeschlossen, sondern müssen immer wieder neu in den Kontext von zeit und Gesellschaft hineindekliniert werden. Dem Vorsteher der Liturgie kommt dabei eine besondere Aufgabe zu. Ergriffen von der Präsenz Gottes in der Feier der Liturgie muss der Mystagoge den Gläubigen die Tiefe dieser Erfahrung erschließen.
Als junger Student lernte ich Prof. Dr. Reiner Kaczynski als einen Menschen kennen, der die Liturgie der Kirche ganz streng sieht. Erst mit der Zeit Begriff ich, warum er so handelte und uns Studenten auf diese Weise einen tiefen Zugang zum Geheimnis der Gottesgegenwart eröffnete.

Bei seinem 60. Geburtstag im Mai 1999 fasste ich das in meinen Worten als Senior des Herzoglichen Georgianums in den Vergleich mit dem Tänzer. Ein Tänzer muss sich an den Rhythmus und die Geschwindigkeit der Musik und an die Schrittfolge des Tanzes halten, damit  er problemlos tanzen kann. Das ist aber erst ein Anfang. Wenn er das tief verinnerlicht hat, muss er nicht mehr auf die Füße achten und Takte zählen, sondern es wird ihm in Fleisch und Blut übergehen wie wir es sagen. Dann kann er variieren, Kunstfiguren einfügen. Dann wird der tanz lebendig und begeisternd, ja mitreißend. So sollte es auch in der Liturgie sein, dass die Feier der Gegenwart Gottes zum Quell des Glaubens für alle Mitfeiernden werden kann. Das konnten viele Georgianer von ihm wie selbstverständlich lernen.

Ein Strahlen ergriff sein Gesicht, wenn er von der Liturgie sprach, wenn er begann Sinn und Zusammenhänge darzustellen. Die geistliche Tiefe von Gebeten und Handlungen in ihrer Bedeutung und geschichtlichen Entwicklung waren ihm wichtig und eröffnetem dem Hörenden neue Einsichten.

Besonders dankbar bin ich auch für die Ermunterung zum Stundengebet, das immer eine reiche Quelle für das geistliche Leben ist, dessen Grundprägung bei jedem Seelsorger spürbar und erfahrbar sein sollte.

Vergelt’s Gott für die Sorge und den Eifer für die Studenten und die Kirche. Bei meiner Priesterweihe sagte er mir:

„Achten Sie auf unsere Kirche, ein wichtiger Teil wird Ihnen anvertraut werden. Ich habe in meinem Leben eine gewaltige Veränderung hin zu einer lebendigen Liturgie erleben dürfen. Es könnte auch wieder anders werden, bleiben Sie dennoch der Berufung und der Kirche treu und bringen den Menschen die frohe Botschaft!“

Mögen ihn unser Herr in seiner Gegenwart leben lassen und wir miteinander die una minus genießen.

Reinhard Röhrner

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