Predigt Ostern 2026
5. April 2026 | Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt | Kelheim
Lesungen am Tag Joh 20,1-18
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben,
Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaft auferstanden!
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben. Die Jünger kehren vom leeren Grab zurück, weil sie noch nicht verstanden haben, was Auferstehung bedeutet. Da sind wir ihnen ja einen großen Schritt voraus. Oder vielleicht auch nicht. Vielleicht geht es uns ganz genau wie den Jüngern am Ostermorgen. Denn verstehen und begreifen, was Auferstehung bedeutet, da sind wir wohl Zeit unseres Lebens beschäftigt.
Wir haben den großen Osterbericht aus dem Johannesevangelium gehört. Den großen Osterbericht, in dem mehrere Erzählstränge ineinander verwoben sind. Eine rote Linie zieht sich durch diesen Bericht. Es ist die Magdalenerin. Maria aus Magdala. Die Apostelin der Apostel, wie sie seit einigen Jahren seit der Erhebung durch Papst Franziskus in das Apostelamt offiziell genannt wird.
Maria von Magdala, eine ganz eigene schillernde Figur, die uns vielleicht helfen kann, dem Geheimnis des Osterfestes näher zu kommen. Sie ist die einzige der Frauen, die nicht nach einem Mann benannt wird. Das ist in der Tradition so. Damals in der Antike war es selbstverständlich, eine Frau als die von jemandem oder die Tochter ihres Vaters zu bezeichnen. Aber bei Maria von Magdala wird kein familiärer Bezug hergestellt. Bei ihr wird nur gesagt, sie kommt aus Magdala oder Migdal, dem Ort am Westufer des Sees von Genezareth.
Ein mondäner Badeort der Römer. Dort lässt es sich gut leben. Sie war ein vermutlich – modern gesprochen – Partygirl. Sie war eine, die das Leben genossen hat. Denn sie wird, wenn sie mit Magdala verbunden wird, als eine Frau, die aus dem Vollen schöpft und das Leben genießt beschrieben.. Gleichzeitig haben sich in der Tradition ganz viele Bilder mit Maria von Magdala verbunden. Und deshalb ist sie uns nicht selten mindestens seit Papst Gregor dem Großen als die große Sünderin bekannt.
Weil sie als Sünderin von Jesus geheilt wird, weil er Dämonen aus ihr ausgetrieben hat. Sie wird immer wieder auch mit Maria aus Bethanien verwechselt und vermischt. Und doch ist sie eine ganz eigene, ganz besondere Persönlichkeit. Sie scheint die erste unter den Frauen gewesen zu sein, die Jesus nachfolgten und, wie es die Evangelisten berichten, mit ihrem Vermögen die Jünger und Jesus unterstützten.
Maria von Magdala, eine Frau, die das Leben ausgekostet hat, vermutlich bis aufs Letzte, und irgendwann gemerkt hat, dass all das, was sie sich an Genuss zukommen lässt, zwar vielleicht vorläufige Befriedigung schenkt, aber nicht Erlösung, nicht wirklich eine Antwort auf ihre Sehnsucht geben kann. Jene Sehnsucht, die ganz tief in ihr war und die nach Erlösung sehnte. So wie es bei jedem Menschen ist.
Wenn er nicht diese Sehnsucht nach Erlösung durch allerlei anderes unterdrückt. Wenn er nicht durch vorschnellen, vordergründigen Genuss versucht, diese Sehnsucht zu stillen oder zur Seite zu rücken. Dann aber, wenn er ehrlich mit sich selbst ist, wird er immer aufs Neue spüren, dass diese tiefe Sehnsucht nach Erlösung in jedem Menschen da ist. Und so macht sich Maria auf den Weg zum leeren Grab.
Ein weiteres Mal scheint sie nun an das Ende gekommen zu sein. Damals in ihrer Heimat Magdala mit dem vordergründigen Genuss. Jetzt, wo sie in Jesus ihre Erfüllung gefunden zu haben meint, scheint sie wieder am Ende zu sein, weil ihr dieser Jesus genommen ist. Ja, sogar der Tote wird ihr noch entzogen. Das Grab ist leer. Sie hat keinen Platz mehr, wo sie hingehen könnte, um diesen Jesus, der ihr doch alles bedeutet hat, wenigstens zu betrauern.
Aber sie spürt, dass da mehr ist, wie auch die Jünger, die kommen und noch nicht verstehen, was Auferstehung ist, Sie begreift genauso wenig, aber sie harrt aus. Sie spürt, sie muss durch diese Dunkelheit hindurch. Sie muss diesem Jesus auf irgendeine Weise besonders nahe sein. Und da kommt das Wunder dieser Geschichte. Gott spricht sie an. Jesus spricht sie an.
Er spricht sie nicht allgemein an, sondern er spricht sie mit ihrem Vornamen an. Maria. Er spricht sie an, wie sie im Umgang genannt wird. Vielleicht hat er in der Wirklichkeit Miriam zu ihr gesagt, wie es Marie Luise Rinser in ihrem berühmten Buch „Miriam“ gecshrieben hat. Aber er spricht sie an und so will Gott jeden Einzelnen von uns ganz persönlich ansprechen. Deshalb ist auch das Verstehen von Auferstehung niemals etwas, das ich in einem Aufsatz oder in einem ganzen dicken Buch niederschreiben könnte, sondern es muss immer eine ganz persönliche, individuelle Erfahrung sein.
Es muss die grundsätzliche Erfahrung sein, dass ich im Glauben an den Auferstandenen mehr erlebe, tiefer und bewusster wahrnehmen kann, als ich das bei allen weltlichen Genüssen, die doch der Vergänglichkeit unterworfen sind, könnte. Dass Auferstehung heißt, dass ich mit meinem ganzen Leben von Gott angenommen bin. Und dass ich dabei nicht überlegen muss, was ich an Schuld, was ich an Scheitern in meinem Leben angehäuft habe.
Weil die Auferstehung Jesu auch mir eine Zusage zum Leben ist, ist es der Sprung hinaus über die Grenzen dieser Welt. Verstehen, liebe Schwestern und Brüder, können wir es deshalb immer noch nicht. Aber wir können, wie die Jünger, der Spur folgen. Wir können, wie Maria von Magdala, in den Dingen ausharren, die wir nicht verstehen können in dieser Welt, die uns oft ratlos, ja manchmal erschrocken zurücklassen.
Und wir dürfen vertrauen, dass er neben uns wartet. Vielleicht als der Gärtner. Vielleicht als jemand, der einfach nur neben uns fassungslos dasteht und uns anspricht, weil wir gemeint sind, wenn es um unsere Erlösung geht. Amen.
Der Herr ist auferstanden. Halleluja.
Reinhard Röhrner
