Predigt Osternacht 2026
4. April 2026 | Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt | Kelheim
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, der Herr ist wirklich auferstanden. Das leere Grab ist ein untrügliches Zeichen. Oder doch nicht? Ein leeres Grab ist eigentlich noch kein Beweis. Aber, liebe Schwestern und Brüder, um einen Beweis geht es dem Evangelisten ja auch überhaupt nicht. Es geht nicht darum, in einem irdischen Zeichen die Auferstehung zu beweisen. Das ginge auch gar nicht. Es geht um viel mehr. Es geht um Größeres. Die Frauen sind es, die am frühen Morgen des ersten Tages der Woche die Auferstehung als erste erleben. Die Magdalenerin allen voran, sie ist es, die zur treibenden Kraft wird, das Grab aufzusuchen. Und sie erleben bei Matthäus die Auferstehung beinahe unmittelbar.
Der Engel des Herrn bringt die Botschaft. Er setzt Kräfte frei, die nicht zu erahnen sind. Ein Beben ergreift noch einmal Jerusalem, wie schon zwei Tage vorher am Karfreitag, als Jesus gestorben ist und ein Beben die Stadt erschüttert. Weil all das, worauf sie noch gerade gesetzt haben, auf ihre eigene Größe und Macht, plötzlich nichts mehr gilt.
Dort, wo der Mensch sich nämlich über sich selbst und über die anderen erhebt, muss er scheitern. Das haben wir unzählige Male in der Geschichte und gerade in der Vigilfeier zu dieser Osternacht, in den Lesungen aus dem Alten Testament ganz deutlich gehört. Gott hat die Welt und den Menschen geschaffen und ihm eine Ordnung gegeben. Wir kennen diese Ordnung der sieben Tage. Sechs Tage sind für die Arbeit. Der siebte Tag ist für den Lobpreis für den Schöpfer da. Ein Tag nach sechs Tagen Arbeit, der zum Ausspannen, zur Erholung, zum Gebet und zum Lobpreis gedacht ist. Es ist nicht der Tag, das wäre ein Missverständnis, der Tag, an dem all das, was die Woche über noch nicht geschafft worden ist, noch schnell aufgeholt werden kann. Damit ist der Sabbat oder für uns Christen der Sonntag als erster Tag der Woche nicht der Tag des Herrn.
Damit wird er nur noch zu einem Füllstück. Oder wenn es nur noch der Tag ist, an dem ich all den nächsten Herausforderungen, sei es sportlicher oder sonstiger Natur, nachgehen kann, um mich selbst zu verwirklichen, dann ist es kein Tag des Herrn. Dann werde ich am Ende Gefahr laufen, leer zu werden, auszubrennen, leerer noch als das Grab am Ostermorgen.
Eine Leere, die mich zu verschlucken droht. Aber wenn ich den Mut habe, mir jede Woche einen Tag zu schenken. Einen Tag, den ich für den Lobpreis und für mich selbst nutzen darf. Als einen Tag, um zu mir selbst zu kommen. Einen Tag, an dem ich aufleben kann, neben all den Herausforderungen und Anforderungen, die an mich gestellt sind. Dann darf ich ja jeden Sonntag einen Ostersonntag erleben.
Denn dann darf ich erfahren, was Auferstehung auch für mich heißt. Es heißt nicht, dass Jesus in die Welt, in die irdischen Zusammenhänge zurückgekehrt wäre. Das wäre eine Totenerweckung, wie wir sie von Lazarus kennen. Nein, die Auferstehung meint dieses grundsätzliche, ganzheitliche Angenommensein des Menschen von Gott. Trotz all seiner Hinlänglichkeiten, trotz all seiner Schuld, wird Gott ihn ganz annehmen in seiner ganzen Persönlichkeit, mit allen Ecken und Kanten, mit allen Brüchen und großartigen Erfahrungen und Erlebnissen des Lebens, in seine Herrlichkeit aufnehmen.
Furcht und große Freude sind die Zeichen, die Frauen ganz unmittelbar verspüren, als sie beginnen zu begreifen, dass das, was Jesus gesagt hat, dass er von den Toten auferstehen werde, Wirklichkeit geworden ist. Dass sie, die gerade noch ganz gefangen waren von der Trauer um ihren Herrn und Meister, nun freudig zu den Jüngern gehen, um ihnen die Botschaft zu berichten.
Nicht die Botschaft, dass das Grab leer ist. Das werden Sie ihnen auch erzählen. Aber sie wollen ihnen erzählen, dass sie verstanden haben, was Auferstehung für jeden Einzelnen bedeutet. Dass Jesus Christus uns vorausgegangen ist in die Herrlichkeit bei Gott und ganz von Gott angenommen ist, so wie wir es für uns erwarten und erhoffen dürfen. Und dann ereignet sich das Großartige. Sie begegnen dem Auferstandenen ganz unmittelbar.
Woran Sie ihn erkennen? Ganz einfach, weil er in ganzer Offenheit Ihnen gegenübertritt. Mit der Offenheit, mit der nur Jesus Christus den Menschen gegenübertreten kann. Aber wir alle sind eingeladen, in einer solchen Offenheit den anderen Menschen gegenüberzutreten, nicht mit den Hintertürchen, wenn ich die Gelegenheit habe, haue ich dich übers Ohr, sondern mit der ganzen Offenheit, miteinander unterwegs zu sein, hin zu Gottes Herrlichkeit.
Dass das, was wir an Ostern alljährlich feiern, nicht nur für wenige Stunden oder für die Feier des Gottesdienstes reserviert ist, sondern unser ganzes Leben prägt und verwandelt. Die Dunkelheit ist deshalb nicht aus der Welt verschwunden. Auch für die Jünger nicht. Auch für die Frauen, die den Auferstandenen als erste entdeckt haben. Aber in ihnen ist jenes Licht, das wir vorher schon am Osterfeuer und dann im Osterlob und an der Osterkerze gefeiert und besungen haben. Dieses Licht, das nicht auszulöschen ist durch all die Versuche, die Menschen anstellen mögen, weil dieses Licht tief in die Herzen all derer hinein und aus ihnen wieder heraus leuchtet, die sich auf den Weg machen, Ostern zu feiern. Auf diesem Glauben ihr Leben aufzubauen.
Dann wird deutlich: Der Herr ist auferstanden. Er ist wahrhaft auferstanden. Halleluja!
Reinhard Röhrner
