Predigt Karfreitag 2026
3. April 2026 | Stadtpfarrkirche Mariä Himmelfahrt | Kelheim
Liebe Schwestern und Brüder im Glauben, nur für ein paar Stunden. Damals, als Tiberius Kaiser in Rom war und über das Weltreich der Römer herrschte, als Kaiser Tiberius sich gerne „divus“, „göttlich“ nennen ließ, für wenige Stunden war damals an der Landstraße vor den Mauern der Stadt Jerusalem das Kreuz aufgerichtet, jenes Kreuz, an dem Jesus starb.
Und doch, obwohl es nur so ein winziger Augenblick in der Geschichte der Welt und der Menschen war, wurden diese wenigen Stunden zum Dreh- und Angelpunkt der Welt. Haltepunkt für die Vielen.
Damals sind viele an diesem Kreuz vorbeigegangen, viele einfach nur schaulustig. Zu sehen, das Spektakel, was da geschehen ist, was es mit diesem Jesus auf sich hat, von dem man doch so vieles erzählte, der doch so großartige Wunder gemacht haben soll. Und doch bei den Mächtigen in Ungnade fiel, der vielleicht doch ein Scharlatan war?
Viele sind daran vorbeigegangen, vielleicht manche mit mulmigem Gefühl. Ob das alles richtig war? Ob die gellenden Rufe, die noch nachhallten durch die Gassen und Straßen, ‚kreuzige ihn‘, ob sie gerechtfertigt waren, oder ob da vielleicht doch vorschnell ein falsches Urteil gefällt werden sollte? Aber was soll’s, selber ist man ja noch einmal davongekommen. Noch einmal das Kreuz hinter sich gelassen. Mich hat es nicht betroffen.
Vielleicht ganz ähnlich wie heute, wo viele sich aufregen, dass sie heute nicht tanzen dürfen, obwohl sie das ganze Jahr ziemlich unmusikalisch sind und das Tanzbein nur ganz selten schwingen. Aber genau heute, am Karfreitag, wird es zum Affront, weil es ihnen vor Augen führt, dass sie den Tanz ohnehin nicht beherrschen. Denn für den Tanz bräuchten die Menschen einen festen Untergrund, ohne ihn Droht man leicht zu stolpern und zu stürzen.
Das konnte freilich Jesus nicht passieren. Er war festgenagelt auf die Liebe zu uns Menschen. Festgenagelt vor aller Augen, unentrinnbar wird der Galgen aufgerichtet, an dem er vor den Augen der Menschen, vor denen, die mit ihm litten, vor denen, die um ihn trauerten oder ihn gar verspotteten, genauso wie vor denen, die gleichgültig vorbeigegangen sind und vielleicht das nächste Eiscafé aufgesucht haben, um sich den Nachmittag zu vertreiben.
Hinten, an unserem nicht mehr genutzten Taufstein, dürfen Menschen religiöse Gegenstände ablegen, die sie nicht mehr brauchen, bevor sie in der Mülltonne oder im Container landen. Ganz oft sind dabei auch Kreuze. Sie passen vielleicht auch nicht mehr in neu gestaltete Wohnungen. Sie passen nicht zum neuen Mobiliar oder zur neuen Aussage. Es ist doch ein Bekenntnis, wenn ich dieses zentrale Symbol unseres Glaubens an einem prominenten Platz in meiner Wohnung aufhänge.
Wenn ich ganz bewusst sage. Diese wenigen Stunden, für die dieses Kreuz in der Weltgeschichte steht, sind für mich der Haltepunkt in all den haltlosen Dingen dieser Welt, in all dem Gespött. Freilich weiß ich, dass Gott niemanden hätte ans Kreuz nageln lassen müssen, um uns zu erlösen. Aber Gott geht diesen Weg. Er geht ihm nicht, weil er machtlos ist, sondern weil er in der Fülle seiner Macht bis in die äußerste Verlorenheit, die Menschen erfahren und erleben können, mitgeht.
Schon in der Agonie in Gethsemane, in seiner Todesangst, steht er denen bei, die heute in Luftschutzkellern ausharren, sinnlos gefoltert und aus Machtgier hingerichtet werden, über deren Leben einfach so entschieden wird, nur weil wenige Mächtige sich gleichsam göttlich aufführen. Auch wenn sie es heute anders nennen, sind sie doch den römischen Kaisern, die sich ausdrücklich so nennen ließen, nicht weit entfernt.
Aber Gott lässt sich darauf ein und wir lassen uns auch darauf ein. Gleich nach den großen Fürbitten werden wir hier vor dem leeren Altar das Karfreitagskreuz aufrichten, weil es die Mitte dieser Feier, die Mitte unseres Glaubens, der Dreh- und Angelpunkt unseres Lebens ist. Durch seine Wunden sind wir geheilt.
Und wenn wir uns erinnern, wie es die ersten drei Evangelisten berichten, betet Jesus am Kreuz noch einmal den Psalm 22: „Eli, Eli, lema sabachtani, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Vielleicht dürfen wir ihn im Blick auf den Karfreitag anders übersetzen: Mein Gott, Wozu hast du mich verlassen? Denn darauf gibt Gott uns mit dem Karfreitag eine Antwort: Um dich zu erlösen, um all deine Angst, all deine Hinfälligkeit, deine Verlorenheit, deine Ohnmacht und Hilflosigkeit durch meine Liebe zu erlösen. Amen.
Reinhard Röhrner
