risus paschalis | Osterlachen

risus paschalis‘
Gedanken zum alten Brauch des Osterlachens

Offenes lautes Lachen in der Kirche? Für unsere Ohren klingt das unangebracht. Die Kirche wird als ruhiger sakraler Raum durch Lachen in unangemessener Weise gestört, wollte man vielleicht einwenden. Dennoch war der Brauch des Osterlachens – risus paschalis (lat. risus meint nicht nur ein freundliches Lächeln, sondern durchaus ein ‚Lachen von Herzen‘) – über Jahrhunderte fester Bestandteil des österlichen Brauchtums.

Je nach eigenem Gusto war es sowohl für Kleriker wie Laien eine Freude oder auch eine Last. Der Prediger versuchte auf mehr oder weniger gekonnte Weise das Volk im Schiff zum Lachen zu bringen. Dabei wurden – wie uns Bemerkungen von Abraham a Santa Clara, einem Wiener Hofprediger, vermuten lassen – nicht nur fromme Witze auf der Kanzel gerissen, sondern durchaus auch eher schlüpfrige Andeutungen und Geschichten erzählt. Von Abraham a Santa Clara selbst erzählt man sogar, daß er es geschafft habe während einer Predigt eine Kirchenhälfte zum Weinen und die andere durch Gesten und Mimik zum Lachen gebracht zu haben.

Das Osterlachen war seit dem 14. Jahrhundert übers Barock bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts hinein eine beliebte Möglichkeit auf lustige Art auch ein wenig Kritik an der einen oder anderen Sache zu üben. Heute erleben wir eine ähnliche Sache vielleicht in manchen Faschingspredigten am Sonntag vor Aschermittwoch.

Warum aber nun in der Osterzeit? Das Osterlachen könnte man als eine Art ganzheitlicher Glaubenserfahrung bezeichnen, nach der Devise: Wer lacht, spürt Lebenslust und ist – so die Hoffnung damaliger Kleriker – empfänglicher für die Osterbotschaft, die den Sieg des Lebens über den Tod, Befreiung und Erlösung der Menschen in Jesus Christus verheißt. Das Lachen lockert die Muskeln und stimmt das Gemüt empfänglicher. Nachrichten, die wir mit heiterer Erfahrung verbinden, nehmen wir lieber in unseren Alltag auf.

Man kann auch den Ostersieg Christi als ein Lachen begreifen, weil es den Tod überwindet. Eine Erfahrung ist dann sicher überwunden, wenn ich darüber lachen kann. Ein Streit zwischen zwei Menschen ist nicht immer mit dem Handschlag der Versöhnung überwunden, aber sicherlich, wenn beide herzlich miteinander lachen können.

Die Auferstehung Christi, erklärt der Tübinger Theologe Karl-Josef Kuschel, läßt sich als „Ausdruck von Gottes Gelächter über den Tod“ verstehen. Liturgie und Lachen müßten sich keineswegs ausschließen. Auch wenn kirchliche Autoritäten heute in vielen Fragen „nicht den geringsten Spaß“ verstünden und unter Christen „mehr gezittert und gezetert als gelacht wird“.

Dennoch rief das Osterlachen von Anfang an auch Kritiker auf den Plan. Strenge Protestanten und Aufklärer bekämpften vermeintliche Auswüchse des frommen Spaßes. Das barocke Lebensgefühl hingegen zeigte sich tendenziell offen für dergestaltige Clownereien. Die Jesuiten schafften hier auch unmittelbare Übergänge hin zum sakralen Theaterspiel. Für Pfarrer war dieser Brauch auch ein willkommenes Geschenk an ihren Vorgesetzten Kritik zu üben und ihrem Ärger Luft zu machen, weshalb auch katholische Obrigkeiten hin und wieder eingeschritten sein sollen.

Vom Ende des 17. Jahrhunderts an wurden die humoristischen Einlagen seltener. Im 18. und 19. Jahrhundert konnten sich nur noch die „Ostermärlein“ halten. Skurril- humorige Geschichten, die das Herz der Gläubigen für Gottes Wort öffnen sollten. Doch auch diese Anekdoten blieben schließlich aus. Die Regensburger Diözesankonstitutionen von 1835 untersagen die Ostermärlein, wobei die Diözese Regensburg wohl nur ein Beispiel ist und ähnliche Anordnungen auch in den Konstitutionen anderer Diözesen zu finden wären. Diese Verfügungen reichen möglicherweise auch schon bis 1717 oder sogar 1787 zurück. Das Ende des österlichen Lachens – für viele, Laien wie Geistliche, eine Erlösung. 😉

Der Grundgedanke, die Osterfreude offen und ‚mit Körpereinsatz‘ zu verkünden, wäre vielleicht auch heute wieder eine Überlegung wert. Die Erlösung betrifft den ganzen Menschen, mit Leib und Seele. So sollte auch die Verkündigung des Geheimnisses der Erlösung offen und mit Freude in die Welt getragen werden. Vielleicht sähen wir dann auch wieder erlöster aus, ein Halleluja, das jemand nur mühsam hervorbringt, reißt eben selten einen anderen Menschen vom Hocker. Ein beherztes Hallel für unseren Gott ist auch eine Form frommen Lachens.

Ein Beitrag aus dem Jahr 1996, auf Anregung des damaligen Ordinarius für Liturgiewissenschaft an der LMU München und Direktors des Herzoglichen Georgianums Prof. Dr. Reiner Kaczynski

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